Zeitsprünge – Wege ins S & P

Verklärte Überlegungen oder akademische Recherche?

hjd Will man den Wegen die zum Sherry & Port führen auf die Schliche kommen, muss man schon ziemlich weit ausholen, zumal der Leser ein Recht auf seriöse Berichterstattung hat.

Die Stadt Wiesbaden lümmelt sich schon seit Jahrtausenden an der markantesten Kreuzung Europas. Es ist wahr, dass der Ort nicht an der Seidenstrasse liegt und auch nie gelegen hat. Wahr ist vielmehr, dass sich der Handelspfad Kiew-Le Havre in Ostwestrichtung und die Dorschstrasse Bergen-Nizza Nordsüd, in unmittelbarer Nähe des heutigen Hauptbahnhofs  gekreuzt haben. Schon damals lungerten die römischen Legionäre, nach Feierabend einige Meter entfernt, ungefähr auf der Höhe der heutigen Matthias Claudius Strasse, im Gras, priesen die Kultur und das  hohe technische Nohau der Germanen  und haben den vorbeiziehenden Fuhrwerken zugewunken.

Holz aus Galizien, Kakao aus Le Havre, Parfüm aus Nizza und eben Dorsch aus Norwegen sind sich hier begegnet. Nach und nach entstand eine Spelunke für Plebejer. Da wo heute der Brunnen sprudelt, wurde gekungelt, getauscht und betrogen. Die Hiesigen, wollten sie sich dem Handel und den Saufgelagen, der Fremden hingeben, mussten lange Wege in Kauf nehmen. Von Norden durch den Taunus, von Süden aus Mainz schwimmend   über den Rhein und von Hanau durch Wald, Feld und Wiese. Es hat sich für alle gelohnt, war es doch die allererste Freihandelszone überhaupt. Hier gab es Waren zu erheischen, die gänzlich unbekannt, den Rest des Reiches erst viel später erreichten.

Irgendwann waren es die Kohortenführer der römischen Landstreitkräfte leid, dass sich die Soldaten mit den Einheimischen vermengten. Die Moral verkam durch Saufgelage und Zockerei zusehends, einer der vielen Indikatoren, die den Untergang des Römischen Reiches ankündigten. Die Soldaten durften die Kasernen in Kastel nicht mehr verlassen. Zur gleichen Zeit entdeckten die Norweger sich neu und favorisierten fortan den authentischen Schweißgeruch und verbannten das  Parfum aus Nizza. Die einzige Schokoladenfabrik in Kiew gab mangels Nachfrage auf und Krabben verdrängten den Dorsch im Departement  Alpes-Maritimes. Der internationale Treffpunkt in der heutigen Adolfsallee verlor an Bedeutung und verödete

Eintausendzweihundert Jahre später, entdeckten Archäologen die Reste der Spelunke für Plebejer und der nassausche Adel, der sich im 12. Jh. reichlich mit Ländereien für Neubaugebiete zwischen Rhein und Taunus, eingedeckt hatte, beschloss an dieser Stelle eine Schenke für Postkutschen zu eröffnen. Wieder wurde die Kreuzung zum Mittelpunkt europäischer Infrastruktur. Wollte etwa ein Flörsheimer in die Sommerfrische nach Cannes oder mal eben an die Ostsee, möglicherweise nach Travemünde, ein Hechtsheimer nach Stavanger,  um  auf einem Walfangschiff anzuheuern, oder ein Wiesbadener in Donezk am Schwarzen Meer, Ahnenforschung betreiben, alle Wege führten über die Postkutschenstation auf der späteren Adolfsallee.  Da war richtig was los. Das Spielcasino war zwar erdacht, aber noch nicht im Bau und so vertrieben die Wiesbadener den Fahrgästen die Wartezeit mit Hamburger Pasch und Einbecker Maibock. Aber auch dies hielt nicht ewig und im Jahr 1644, verließen die Wiesbadener ihre Stadt und der Platz versank im Morast.

Knapp 150 Jahre später war dann der Teufel los in dem bis dahin beschaulichen Wiesbaden. Das Biebricher Schloss war längst gebaut, der Ort Hauptstadt des Herzogtums Nassau-Usingen und das Kurhaus wurde eröffnet. Wiesbaden entwickelt sich zum europäischen Modekurort. Das Spielcasino zieht nicht nur die Prominenz an, sondern auch die verarmte Landbevölkerung. Die Einwohnerzahl verzehnfacht sich in nur 60 Jahren. Die Villenviertel werden bevorzugter Wohnsitz von wohlhabenden Pensionären aus ganz Deutschland. Dieses Flair hat sich bis in die Gegenwart erhalten.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird auch die Adolfswiese nicht länger verschont. Bis dahin endete die Stadt an am Luisenplatz. Der Bauboom bescherte den Handwerkern pralle Einkommen und so sind die, von uns heute bewunderten Prachtbauten, jene die wir heuer als Doppelhaushälfte oder Flachdachbungalow anstreben. Die jetzt zur Adolfsallee mutierte ‚Wiese‘ ist eine der schönsten Strassen der Stadt. Die Wege dahin stehen ihr allerdings in nichts nach. Latscht man, wie es der Schreiber dieses Aufsatzes oft tut und ist sich nicht zu schade, sich zu seiner Neugier zu bekennen, erlebt man die wundersamsten Geschichten.

Jene von der alten Frau in der Albrechtstrasse. Sie hatte es sich mit einem Kissen unter den Ellenbogen am Fenster gemütlich gemacht. Eine Idylle die  zu einem Plausch aufforderte. „Ein schöner Tag ist das heute“ „Ja und ich warte auf meinen Sohn. Den sehe ich selten, aber immer Donnerstag fährt er hier vorbei. Er ist Fahrer bei der Müllabfuhr und ich winke ihm zu“. Der kleine Junge der mich um mein Handy bat, um seine Mutter wissen zu lassen, daß er später komme und äußerst erstaunt zur Kenntnis nahm, dass der Angequatschte keines besaß. Es hat sich also vieles verändert. Verändert? Die römischen Legionäre sind zurück. Nur haben sie keine Speere geschultert, sondern versorgen die Wiesbadener mit belegten Fladen. Die vormaligen Zocker hocken noch immer, wie vor 2000 Jahren in der Adolfswiese, jetzt auf Bänken und statt Wein süffeln sie Wermut.

Alle Strassen die in die Allee und damit zwangsläufig auch ins S&P führen sind etwas Besonderes. Der internationale Basarcharakter der Moritzstrasse, mit seinen sich schnell drehenden Geschäften, die würdevollen ruhigen Querstrassen, sie alle sind sehens– und erlebenswert. Im Winter wird der Vagabundierende durch die Fassaden, im Sommer durch das üppige Grün verzaubert. Es ist die reinste Freude dieses Viertel zu erkunden. Da gibt es die Konditorei, die die fünfziger Jahre peinlich präzise bewahrt, die Kunden mit Berlinern im Fenster lockt und dann gesteht, dass sie erst zum Wochenende wieder gebacken werden und die im Fenster seien Dekorationsberliner. Da überholt einen ein, höchstens achtjähriges Mädchen auf  einem Roller mit einer Hand lenkend in der anderen das Mobiltelefon am Ohr.

Braucht man eine Auffrischung dieses edlen Ambientes sollte man die fünf Minuten zum Liliencarre‚ in Kauf‘ nehmen. Hier werden in monströsem Ambiente, keine total überflüssigen Waren, sondern Prozente verhökert. Einige Minuten reichen um geheilt die  Ruhe und Gelassenheit der Adolfsallee zu würdigen. In das Plätschern des Brunnens lässt es sich, bei Wein und Bier fürtrefflich hineinträumen in zweitausend Jahre Geschichte mit all ihren Bewandtnissen, Anekdoten und dem Evening Star. Das Beste daran? Dieses Rehabilitationscenter dient auch Hektikern, Gestressten und  Ahnungslosen sieben Tage in der Woche gleichermaßen. Probieren Sie uns aus.