Holzauge ist wachsam

Obwohl ich die Gaststube des Sherry nie verlasse, habe auch ich die wenigen Sonnentage des Sommers 2013 auf meine Weise sehr genossen – diese Ruhe in diesen heiligen Hallen.

Wer ich bin? Nichts Besonderes, ich bin halt einfach da. Ich brauche deshalb auch nie zu reservieren und habe doch immer den besten Platz. Ich sehe, wer kommt und geht, habe Bar und Küche im Blick und beste Sicht auf die Bühne. Solltest Du diese Zeilen im Sherry lesen und nicht gerade im hintersten Winkel sitzen, dann werfe ich gerade einen Blick auf Dich … auch wenn Du mich selbst zumeist keines Blickes würdigst.

Ich bin ja nicht mehr der Jüngste, da ist der Sommer, ich erwähnte es schon, für mich immer die beste Zeit auch mal zur Besinnung zu kommen. Das Lokal ist dann nicht so voll wie im Winter, weil sich die meisten Gäste rund um den Brunnen vergnügen. Im Laufe des Abends müssen sie dann meistens doch mindestens einmal an mir vorbeilaufen, zu einem anderen stillen Örtchen. So weiß ich dann auch in dieser Jahreszeit, wer uns beehrt.

Was ich über Jahrzehnte hier so mitbekommen habe, würde Stoff genug für mehrere Romane liefern. Besinnlichen Gesprächen konnte ich ebenso lauschen wie heiteren. Freudige wie auch eher berührende oder gar traurige Ereignisse mitbekommen, Konspiratives erfahren und über gar manchen Witz still in mich hinein lachen. Zu erzählen gäbe es also genug. Ich habe schon oft überlegt, all diese Geschichten aufzuschreiben, aber irgendwie konnte ich mich dazu noch nicht aufraffen … wie denn auch. Aber keine Sorge, ich könnte hier Intimes ausplaudern, auch wenn ich ständig ein Auge auf das Geschehen habe. Von Haus aus bin ich nämlich nicht sonderlich redselig, außerdem kann ich mir Anvertrautes auch sehr gut für mich behalten. Ein Erlebnis kann ich jedoch zum Besten geben – ich werde nicht vergessen, wie der Chef des Hauses mit vier Fleischerhaken und vier Ketten diese riesige, schwere Lampe im Einser-Raum an die Decke gebracht hat. So was habe ich vorher noch nie gesehen, zwischendrin hatte ich Angst, aber es hat funktioniert, sie hängt, leuchtet und unterhaltsam war‘s für mich allemal.

So schön die Ruhe im Sommer auch war, so muss ich doch gestehen, dass ich mich immer auf die Zeit freue, wenn der Laden wieder richtig voll ist. Ich mag wortkarg und hölzern wirken, aber eigentlich bin ich doch ein recht geselliger Typ. Wenn es draußen kälter wird, dann beginnt drinnen das Wiedersehen mit alten Bekannten, Stammgästen und hervorragenden Musikern, Jungen, Alten und Neuen.

Ab Oktober freue ich mich daher auf jeden Freitag, dann gibt’s nämlich endlich wieder Live-Musik hier im Sherry. Von Harald Guha, über Alexander von Wangenheim, Stormin’ Normin, newnote, Paddy Goes To Holyhead, Harald Kulzer, um nur einige zu nennen. Auf diese tollen Musiker und andere freue ich mich sehr. Auch wenn ich selbst eher etwas unbeweglich in meiner Ecke verharre, sehe und höre ich doch gerne zu, wenn sich die Gäste an jazzigen oder rockigen Tönen, an Blues, Folk oder manchmal sogar klassischen Melodien erfreuen.

Wenn Du Dich jetzt fragst, was mein ganzes Gequatsche eigentlich soll, und es als unerzogen empfindest, dass ich mich noch gar nicht so richtig vorgestellt habe, dann hast Du recht. Mein Problem ist, ich weiß nicht so wirklich, wer ich bin und wo ich herkomme, man hat es mir nie erzählt. Einen Namen immerhin hat man mir hier gegeben: Man nennt mich „George“. Meine wievielte Heimat dies hier im Sherry & Port nun ist … ich weiß es nicht mehr so genau. Und die Eingewöhnung – zwischen Tapas, Bratenduft und alkoholischen Getränken – war anfangs ganz schön schwer, weil ich von all den leckeren Sachen nie was abbekommen konnte. Wie denn auch, als praktizierender

Asket von Beginn an. Und Askese bedeutet nun mal den Verzicht auf Genussmittel aller Art, stoisches Ausharren in Kälte und Wärme, absolutes Schweigegebot und … leider auch die sexuelle Enthaltsamkeit.

Das mag nun für Dich ganz schön hart klingen, doch ich will weder Mitleid, noch zur Nachahmung ermuntern, dies ist nun mal mein persönliches carpe diem. Im Gegenteil: Genieß Deinen Aufenthalt im Sherry und mach all das, was mir verwehrt bleibt. Wenn es Dir hier gefallen hat, erzähle es gerne weiter. Denn wie schon erwähnt: Ich lerne gerne neue Leute kennen.

Sincerly

Your George

and don`t forget: free beer tomorrow

(CS/MS)