ZORA – Anlauf- und Beratungsstelle in Wiesbaden

Mira, 20 J., hatte von ZORA erfahren, indem ihr eine Freundin, die einen Brief zur Spendenaufforderung erhalten hatte, von ZORA erzählte:

„Hier, das könnte doch etwas für Dich sein. Das klingt, als könnten die Dir weiterhelfen“, sagte die Freundin. „Nein“ war Mira’s spontane Antwort. „Das ist doch immer dasselbe mit diesen Sozialtanten. „Ja, wir können Dir helfen, aber Du musst schon beweisen, dass Du auch wirklich willst“. „Ich pack das einfach nicht, mit diesen Regeln und Plänen und so. Ich will, aber ich pack’s halt einfach nicht. Dann werfen sie Dich sowieso wieder raus. So ist das immer. Hör auf. Ich komm schon alleine klar.“

So ähnlich verlief der Dialog zwischen Mira und ihrer Freundin, wie sie uns später erzählte, als diese sie ermutigen wollte, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Daraufhin hatte Mira’s Freundin eine Idee. „Hör zu, die schreiben hier etwas von Anonymität, von Akzeptanz und keinen Gegenleistungen für Hilfe. Wir können die doch mal testen. Ja, wir stellen sie auf die Probe. Wir rufen da einfach mal an und erzählen irgend etwas.“

Gesagt, getan. Mira’s Freundin rief bei ZORA an. Sie legte bewusst eine provozierende Haltung an den Tag und fragte nach, wie oft man denn kommen muss, um Hilfe zu bekommen. Und sie hätte keine Lust ihren Namen zu nennen. Sie wollte erst mal nur schauen. Außerdem wollte sie wissen, was sie „bringen“ müsse, um Hilfe zu bekommen. Die Mitarbeiterin von ZORA machte Mira’s Freundin klar, dass sie innerhalb der Öffnungszeiten kommen könne, wann sie wolle, dass sie ihren Namen nicht nennen muss, dass sie jederzeit innerhalb der Öffnungszeiten die Angebote von ZORA nutzen könne und dass sie auch, wenn sie es nur unregelmäßig zu ZORA schaffe, immer wieder Hilfe erhalten kann. Nachdem die Sozialarbeiterin ihr außerdem versicherte, dass sie auch keinerlei Infos weitergeben würde, falls jemand für sie anrufe, wurde für Mira langsam deutlich, dass ein Besuch bei ZORA zumindest einen Versuch wert sei.

 Sie kam mit ihrer Freundin zu ZORA und wollte sich zunächst nur mal umschauen. Bei ZORA hielten sich bereits einige junge Frauen auf. Ein Mädchen füllte gerade die Waschmaschine. Zwei andere Mädchen anderer Nationalitäten kochten gerade, einige lasen die Bravo, den Kurier und erzählten. Mira nahm das Angebot etwas zu trinken an und auch am gemeinsamen Essen nahm sie teil. Sie kam mit einzelnen Mädchen ins Gespräch, hatte aber zunächst keinen Beratungswunsch.

Noch einige weitere Male lief Mira’s Besuch bei ZORA so ähnlich ab, dann kam Mira das erste Mal alleine. Den Mitarbeiterinnen von ZORA wurde recht bald klar, dass Mira einige Themen mit sich „herumtrug“ bei denen sie sich Unterstützung wünschte. Aber aufgrund ihrer zunächst verschlossenen Haltung machte Mira deutlich, dass sie auf keinen Fall zu etwas gedrängt werden möchte. Dann würde sie wahrscheinlich nicht wieder kommen. Damit Mira nicht „unterging“, unterbreiteten die Sozialarbeiterinnen immer wieder behutsam Gesprächsangebote, doch es dauerte mehrere Wochen, bis Mira das erste Mal ein Angebot annahm.

An diesem Tag wirkte Mira besonders bedrückt. Auf Nachfragen der Mitarbeiterin von ZORA erzählte Mira, dass ein Haftbefehl gegen sie erlassen wurde und sie jetzt gar nicht wisse, was sie tun solle. Sie hätte sich bereits den ganzen Tag versteckt. Im Gespräch stellte sich heraus, dass Mira Schulden hatte und diese weder bezahlt noch irgendwie sonst darauf reagiert hatte. Nach dem üblichen Prozess des Mahnverfahrens erhielt Mira eine Vorladung zum Ablegen der Eidesstattlichen Versicherung, auf die sie ebenfalls aus Angst nicht reagiert hatte. Danach wurde schließlich der Haftbefehl erlassen. Mira hatte kein Geld. Sie war Sozialhilfeempfängerin und hatte überdies auch noch weitere Schulden. Die Sozialarbeiterin arbeitete mit Mira die Unterlagen durch und führte ein Gespräch mit dem zuständigen Sachbearbeiter. Am nächsten Morgen begleitete die ZORA-Mitarbeiterin Mira zum Amtsgericht, wo sie die Eidesstattliche Versicherung ablegte.

 Mira kam weiterhin zu ZORA Sie fasste langsam Vertrauen und wurde offener. Mira hatte noch einige weitere Schwierigkeiten. Sie litt unter einer Eßstörung, woraufhin die Mitarbeiterin nach einigen längeren Gesprächen Mira in eine fachspezifische Beratungsstelle vermittelte. Mit dem Einverständnis von Mira vereinbarten die betreuenden Frauen in Zusammenarbeit mit Mira, dass es langfristig Sinn mache, eine Psychotherapie zu beginnen.

 Zwischendurch wurde Mira allerdings wohnungslos. Ihr Freund war gewalttätig und sie musste aus der Wohnung fliehen. Sie lebte dann einige Zeit im Frauenhaus. In dieser Zeit kam Mira auf das Angebot von ZORA, die Postadresse und ein Schließfach zu nutzen zurück. Ebenso war es für Mira notwendig, sich einige Hosen und Pullover aus der Kleiderkammer von ZORA zu besorgen, da die meisten ihrer Kleider noch in der Wohnung lagen. Dorthin wollte Mira zu diesem Zeitpunkt auf keinen Fall zurück.

 In enger Zusammenarbeit mit den Frauenhausmitarbeiterinnen und dem Wohnungsamt war es möglich, für Mira eine geeignete Wohnung zu finden. Erst dann wurde es für Mira überhaupt möglich in Richtung Therapie zu denken.

Als Mira anfing die Dinge in ihrem Leben neu zu regeln, wurde ihr recht schnell Alles zuviel und sie fiel in frühere Verhaltensmuster zurück. Sie versäumte Termine und brach die Therapie ab. Auch bei ZORA ließ sie sich eine Zeitlang nicht blicken. Doch nach einigen Wochen fasste sie neuen Mut und kam wieder zu ZORA. Sie wollte den Prozeß, ihr Leben zu verändern, fortsetzen. Mira wurde langsam klar, es würde wohl noch einige „Rückschläge“ in ihrem Leben geben, aber sie wusste, sie konnte weitermachen. Und die wichtigste Erkenntnis für Mira war, sie verstand sich selbst etwas besser und lernte, sich nicht mehr von vorne herein abzulehnen.