LANGEWEILE KAM DA WOHL NIE AUF

Eine kleine Zeitreise durch das bewegte Leben des Herrn Olaf

 

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Eigentlich stammt er ja aus der Generation „Traue keinem über Dreißig“ … nun musste er feststellen, diese Toleranzschwelle selbst inzwischen mehrfach überschritten zu haben. Die Rede ist von Olaf-Hagen Wagner, einer der guten Geister vom Sherry & Port, zumeist nur Olaf gerufen, von manchen auch „Herr Olaf“. Eventuell aus Ehrfurcht vor den im Laufe der Jahre leicht ergrauten Haaren oder von den Gästen, die ihn noch aus dem ein oder anderen „Wirtschaftsunternehmen“ Wiesbadens kennen. Aber dazu später.

Olaf wurde nun vor einigen Wochen mit der Tatsache konfrontiert, 70 Lenze jung geworden zu sein. Also der, der damals keinem über dreißig trauen wollte. Okay, er wird in den vergangenen Einundvierzig Jahren mehrfach diese Misstrauenslatte höher gehängt haben, oder nach seinem eigenem Dreißigsten diesen Vorbehalt ad acta gelegt haben. Wie auch immer …

Fakt ist, von seinen bisherigen 70 Jahren, hat er weit mehr als dreißig Jahre in der Gastronomie gearbeitet. Er meint, all diese „Dienstwege“, die er dabei zurücklegte, hätten ausgelangt, um einmal die Welt per pedes zu umrunden. Zum Weltenbummler wurde er auch. Aber dazu ebenfalls später.

Seine gastronomische Karriere begann eigentlich Anfang der 1950er Jahre. Vatern hatte zwar ein Fachgeschäft für „Papier- und Schreibwaren aller Art, Büroartikel und Geräte“ in Wiesbaden, wohnen tat man jedoch in Hattenheim. So musste auch der Klein Olaf täglich mitsamt Familie und per Bahnbus nach Wiesbaden und zurück. Außer an den Sonntagen, da war Vaterns Laden dicht. Klein Olaf entdeckte an diesen freien Tagen das benachbarte Hattenheimer „Hotel Ress“ für sich, mit seinem ausgedehnten Gartenlokal. Mit dem Hund des Hotels, „Paule“ wurde er wohl gerufen, freundete er sich an … viel wichtiger aber noch, auch mit „Herrn Ewald“, dem Oberkellner des Hotel-Restaurants. Mit ihm vereinbarte er, nach den Stoßzeiten mitzuhelfen, die Tische abzuräumen. Gesagt getan, mit Kumpel Paule an der Seite beräumte er die Tische, teilte mit Paule nicht nur brüderlich die verbliebenen Essensreste, sondern bekam von „Herrn Ewald“ auch noch ein Taschengeld gezahlt.

1954 versiegte dann diese Einnahmequelle, die Familie zog nach Wiesbaden, es gab wieder Wohnraum dort. Schulbankdrücken war für Olaf angesagt – letztendlich in der Gutenberg Schule. Danach diese berüchtigten „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Vatern drängte ihn in die „Großhandelskaufmannslehre“ – obwohl Olaf gerne den mütterlichen Genen gefolgt wäre, die eher im künstlerischen und kreativen Bereichen lagen. Nach der Lehre einige Zeit weiter in Vaters Laden tätig, sich eventuell an Paule und Herrn Ewald erinnernd (der „Traue-keinem-über-Dreißig-Effekt hinzukommend) wagte er den Absprung – hinaus in die weite Welt … in der Taunusstraße endend, wo 1966 der „ABC-Club“ eröffnet wurde, eine der ersten Discotheken in der Welt- und Kurstadt. Vom Gläserknecht wandelte er sich dort alsbald zum Barkeeper, zum Macher.

Dann dieser Tag, als der Brief eintraf, betitelt mit „Musterungsbescheid“. Böse Falle damals, kaum umgänglich. „Tauglich“ hieß es nach diesem Termin, ebenfalls kaum umgänglich zu dieser Zeit. Und ab gings in den Hunsrück, zur Luftwaffe nach Bad Sobernheim, in den Fliegerhorst Pferdsfeld. Durch glückliche Umstände wurden alsbald die gastronomischen Qualitäten von Olaf erkannt, er wurde in das Offizierskasino „abkommandiert“ und letztendlich direkt dem Kommodore des Fliegerhorstes unterstellt. 18 Monate betrug damals die Grundwehrzeit noch – dank Kasino und Kommodore für Olaf einigermaßen erträglich.

Was nun – was tun? Die mütterlichen Kreativ-Gene meldeten sich. Er tauchte ein in die Welt der „Schauwerbegestalter“, war im Messe- und Ladenbau unterwegs und designte was das Zeug hielt. Hand gemacht, versteht sich – Computer war mangels Masse noch ein Fremdwort und Desk-Top-Publishing bedeutete Reißbrett, Zirkel, Lineale, Cutter, Letraset, eine ruhige Hand und viel Fingerspitzengefühl.

1975 zog es ihn dann doch wieder zurück in die Gastronomie – hinein in die spanische Phase. „El Barbas“ hieß die neue berufliche Heimat – kannte man Walter, den Wirt, und dessen Rauschebart, lag die Namensgebung der Lokalität nahe. Es war damals ein „spanisches Triangel“ rund um die Ecke Dotzheimer Straße/Zimmermannstraße – La Cabana, Don Quijote und eben das El Barbas. Überschaubar, verraucht (wie zu damaligen Zeiten üblich), tummelte sich hier alles was weder Rang noch Namen hatte (oder auf dem besten Weg dazu waren dies zu ändern). Der junge Manolo Lohnes spielte im Barbas auf, wie auch u.a. Loti Pohl, der mit den Crackers später sogar die nationalen Charts erreichen sollte oder Stephan Ohnhaus (Nize Boyz), Tom Woll, die Schnuckenacks, um nur einige wenige zu nennen. Und, nebenbei angemerkt, der Schreiberling dieser Zeilen lernte „Senor Olli Bolli“, respektive „Don Olli“ (so wurde er teils im Barbas genannt) ebenfalls zu dieser Zeit kennen.

„Reisen bildet“ – nach der spanischen Zeit in Wiesbaden, zogs Olaf dann doch in die weite Welt. Ab auf die Inseln. Naheliegend, auf die spanischen aber auch die Inselwelt Griechenlands war vor ihm nicht sicher. Und selbstverständlich durfte auch „die Insel“ nicht fehlen, Heimat der Malts und anderen feinen Destillaten. Er durchstreifte die schottischen High- wie Lowlands, setzte über nach Irland – immer auf der Suche nach neuen, ihm unbekannten Whiskys. Sein dadurch entwickeltes „feines Näschen“ hat er sich bis heute bewahrt – nicht nur in der Welt des Whiskys, auch bei Gin oder Wein. „Sir Olaf“ – dieser weitere Spitzname von ihm – stammt wohl aus dieser Zeit.

Zurück von den Inseln und „Studienreisen“, begann das Kapitel FFF – also Funk, Film und Fernsehen. Als fester-freier Mitarbeiter arbeitete er als Aufnahmeleiter beim ZDF, zu einer Zeit, als dieses noch Unter den Eichen residierte. Hier wirkelte er für die „Drehscheibe“, dem „Glaskasten“ und hauptsächlich für „Das aktuelle Sportstudio“. Die Moderatoren zu dieser Zeit hießen u.a. Dieter Kürten, Harry Valérien und Hans Joachim Friedrichs. Michael Palme war zu dieser Zeit Chefkameramann im Studio, bevor er die Seiten wechselte und als Moderator und Reporter in der Sportredaktion des ZDF zu finden war.

Vertrackt für Olaf in dieser Zeit jedoch, als Fester-Freier durfte er nicht mehr als einhundert Tage jährlich beim ZDF beschäftigt sein, ansonsten hätte er einen festen Vertrag erhalten müssen. Da ergab es sich gut, dass auch die Kulturredaktion des Südwestfunks Feste-Freie suchte und so spielte er für einige Zeit den „Diener zweier Herren“.

Auf zu neuen Ufern, sagte sich nicht nur das ZDF und wechselte auf die „Ebsch Seit“, auch Olaf zogs davon, nach Kronberg. Wieder zurück in die Gastronomie, hinter den Tresen der „Blues Dancing Bar“, in unmittelbarer Nähe des Golfplatzes und benachbartem Hotel. Bernhard Langer & Co waren nach den Turnieren zu Gast in der Bar, wie auch andere Prominenz, Wirtschaftsbosse und Banker die sich auf dem Golfplatz tummelten. Ganz nett so alles – aber das regelmäßige „mein Haus – mein Auto – mein Boot“ war zwar gewisse Zeit recht unterhaltsam, aber wie im Fernsehen – es widerholte sich zu oft. Und es war halt Kronberg und nicht das geliebte Wiesbaden. Mit Sack und Pack also zurück in die alte Heimat und für einige Zeit in die „Kurier Stuben“, vis-à-vis der kurstädtischen Zeitungshochburg.

Ganz schön turbulent, bis hierhin, das Leben des „Herrn Olaf“. Aber – wie kam er zu diesem „Herr“ vor seinem Olaf? 1987 gings für ihn in seinen gastronomischen Ur-Kiez zurück, also in das ehemalige „spanische Dreieck“. Nicht unweit entfernt von diesem Kiez, in die Weinstube „Zum alten Römer“ in der Dotzheimer Straße zog es ihn – siebzehn Jahre wirtschaftete er hier. Von wegen keine Kontinuität. Die kleine aber feine Weinwirtschaft, samt kleiner aber feiner Speisenkarte, war hauptsächlich Treffpunkt der Nachbarschaft – aber auch „Lokalpolitiker“ gingen hier ein und aus. Viele der Wiesbadener Oberbürgermeister hat er hier kommen und gehen gesehen, aber auch den damaligen hessischen Landesvater. Hans Eichel war es auch, der ihm dieses „Herr“ vor dem Olaf verlieh. Regelmäßig war er zu Gast im Römer, ob privat, mit seiner Kanzleitruppe oder protokollarisch mit offiziellen Gästen des Landes Hessen. Bei einer dieser letztgenannten Besuchen fragte Hans Eichel nach seinem Namen – „Olaf“, die Antwort. „Dann darf ich Sie also mit Herr Olaf ansprechen?“ … und dabei blieb es dann. Auch zu der Zeit, als Hans Eichel als Bundeswirtschaftsminister fungierte, er wieder mal in Wiesbaden war und seinen Weg in den „Alten Römer“ fand. Siebzehn Jahre währte Olafs Zeit in dieser Weinseeligkeit.

Ob seines Hanges zu „Rheintouren“ nach Feierabend – mal hier rein, mal da rein – in all den gastromischen Jahren, hat sich „Herr Olaf“ ein mehr als profundes Wissen über die Wiesbadener Gastronomieszenerie verschafft. Sollte sich also jemand aus der gewogenen Leserschaft z.B. fragen, wo war das „T 14“, gabs da nicht auch mal das „Muckefuck“, hatte der Nick Benjamin nicht mal eine „Schachtel“? Nicht verzagen, Herrn Olaf fragen.

Selbstverständlich befand sich auch das Sherry & Port auf Olafs „Rheintourplan“, er plauschte hier teils nächtens mit dem Wirt, fachsimpelte über Whisky, Gin und gute Weine. Als sich 2004 im Römer Änderungen ankündigten, war es naheliegend, aus den nächtlichen Plaudereien einen geregelten Tagesablauf zu machen. Seit nunmehr vierzehn Jahren gehört Herr Olaf also zum Team – oder wollen wir lieber „Sir Olaf“ sagen – passt ja irgendwie besser zum Sherry & Port und dem „Evening Star“ …

Nun wird er peu à peu Abschied nehmen, kürzer treten, zum Ende des Jahres in den verdienten Unruhestand gehen … und ganz sicher ab und zu wieder auftauchen, bei einer seiner … Sie wissen schon … Rheintouren …